Liebesbrief an New Jersey

Liebesbrief an New Jersey

Liebes New Jersey,

ich vermisse dich. Wenn man mich fragt, was ich vermisse, kann ich das aber gar nicht so genau benennen. Es sind tausend Kleinigkeiten und am Ende ist es einfach ein großes Gefühl. Ein Gefühl von Heimat, Freiheit und Glück. Ein Gefühl, das ich hier immer noch suche.

Die Kleinigkeiten

Aber lass uns doch am besten mit all den tausend Kleinigkeiten anfangen, die vielleicht am Ende des Tages dann dieses große Gefühl ausmachen.

Ich vermisse unser gemütliches Haus, unseren großen Garten mit der Feuerstelle. Die Glühwein- und Plätzchenrunden mit lieben Freunden, die lauen Sommerabende mit einem Glas Wein. Immer in Begleitung eines prasselnden Feuers, in meinem Gesicht das breiteste Grinsen unter der Sonne.

Ich vermisse es, mit dem Auto durch die Landschaft zu fahren. Am Anfang habe ich mich über die großen Entfernungen aufgeregt, jetzt vermisse ich sie. Schon komisch, oder? Ich vermisse die Weite und die Freiheit, die damit verbunden sind.

Ich vermisse unsere tollen Einkaufsmöglichkeiten, das „ich lauf mal schnell rüber zum Whole Foods“ und die Doppel-Kinder-Einkaufswagen bei Costco. Ah, Costco. Den vermisse ich ganz besonders, die Auswanderer mit mehreren Kindern werden mich verstehen!

Ich vermisse meinen Coffee to go auf dem Weg zum Abholen aus dem Kindergarten. Ich vermisse die ruhigen 10 Minuten im Auto, wenn ich mal wieder vor der Zeit da gewesen bin. Zugegebenermaßen ist das mit dem Warten nicht oft passiert aber den Kaffee habe ich mir immer gegönnt! Unser Kindergarten, das Sprout House, war das zweite Zuhause der Rasselbande. Mit tollen Pädagogen, einem unglaublichen Zusammengehörigkeitsgefühl und wunderschönen Projekten. Nirgendwo sonst waren meine Kinder jeden Tag so schmutzig und so glücklich. Diese kleine Schule, nach der wir so lange gesucht haben, war schon etwas ganz Besonderes.

Du

Besonders bist du, New Jersey. Auf den ersten Blick so unscheinbar, wirst du von vielen belächelt und spöttisch als „Armpit of America“ bezeichnet. Und doch bietest du so viel, Garden State. Deine langen Strände, Flüsse, Berge und Wälder. Deine tollen Einwohner. Ich habe mich sofort wohl gefühlt in deinen Armen, die mich so offen empfangen haben.

Unsere Nachbarn haben einen ganz wesentlichen Teil dazu beigetragen. Nie werde ich unsere erste Easter Egg Hunt vergessen. Wir waren gerade eine Woche eingezogen und wurden wie selbstverständlich in die Gemeinschaft integriert. Lachen, Essen, Reden – das sind die Erinnerungen an diese ersten Begegnungen.

Und trotz all dieser schönen Dinge war der Start alles andere als einfach. Du empfingst uns mit viel Schnee und gabst uns einen kleinen Vorgeschmack auf die Winter, die da vor uns lagen.

Wir mussten uns in so viele Sachen einfinden, so viele Dinge lernen. Wo melden wir unseren Strom an? (Nicht ganz unwichtig mit zwei Babies und einem Kleinkind!) Wie funktioniert das mit den Ärzten hier? Der Überweisung für die Miete? Welcher Kindergarten hat welches Betreuungskonzept? Wo bekommen wir ein Auto her? Wie versichern wir es? All das mit drei Kindern unter zwei Jahren und einem Ehemann, der von Tag eins im Job hundert Prozent geben musste.

Allerdings war die Entfernung zum Büro und das damit verbundene Pendeln genial. Waren es doch nur 10 Minuten, die Papa von zu Hause getrennt haben. Der Anruf „Ich fahre jetzt los!“ wurde mit freudigen Rufen und Warten am großen Fenster begleitet. Dem Fenster, das diesen unvergleichlichen Blick auf die Straße und in die Nachbarschaft bot. Dem Fenster, auf dessen Ablagebrett ich beim abendlichen Fernsehen schauen oder Schreiben immer mein Weinglas abgestellt habe.

Dieses Glas im Fenster wird jetzt im Übrigen von unseren Freunden auf ihrem spätabendlichen Spaziergang durch die Nachbarschaft ziemlich vermisst!

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Freunde

Freunde, die hatten wir in großer Anzahl. Meine Bedenken, dass wir in unserem neuen Zuhause ziemlich einsam sein würden, waren so unbegründet. Diese lieben Menschen fehlen mir so sehr. Ich habe einen Teil von ihnen in meinen Erinnerungen mitgenommen und ich bin mir sicher, dass ein Teil von mir bei ihnen geblieben ist. Und so ist es nicht nur Wehmut, wenn ich an unsere gemeinsame Zeit denke, sondern in erster Linie Dankbarkeit, diese tollen Menschen so nah in meinem Leben gehabt zu haben.

Liebes New Jersey, mein Liebesbrief an dich würde noch unendlich viel länger werden, wenn ich meinen Schreibgefühlen ihren Lauf lassen würde. Aber wer weiß, vielleicht schreibe ich ihn eines Tages weiter und erinnere mich in mehreren Kapiteln an dich.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne *

Für heute bleibt es bei diesen Zeilen, diesen kurzen Erinnerungsfetzen und Gedanken. Ich bin dir so dankbar, dass du mit deinen tollen Menschen, der faszinierenden Landschaft und all den großen und kleinen Erlebnissen ein Teil meines Lebens warst. Dieses Gefühl der Dankbarkeit wird mich immer begleiten. Genauso wie die Sehnsucht nach Heimat und Glück, diesem Gefühl, das ich habe, wenn ich an dich denke.

Meine Aufgabe ist es jetzt, dieses Gefühl auch hier in meiner neuen Heimat zu finden. Ich bin zuversichtlich, dass mir das gelingen wird. Manchmal muss man einfach nur ein bisschen länger suchen und geduldig mit sich sein. Und bei allem, was ich tue, werde ich ein Lächeln im Gesicht haben, weil du immer bei mir bist.

Deine Jana

*aus „Das Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse